Hör gut zu, mein Indra…
Die Geschichte des modernen Spiritismus beginnt nicht in Tempeln oder heiligen Büchern. Sie beginnt in einem kleinen Holzhaus in Hydesville, New York, im März 1848.
Der Anfang – die Fox-Schwestern
Zwei Mädchen; Margaret (Maggie), etwa 14 Jahre alt, und Kate, etwa 11.
Im Haus ihrer Familie sollen nächtens seltsame Klopfgeräusche ertönt sein.
Die Mädchen behaupteten, mit einem Geist kommunizieren zu können – dem Geist eines ermordeten Hausierers, der im Keller begraben liege.
Sie entwickelten ein einfaches System; Ein Klopfen für „Ja“, zwei für „Nein“.
Später ein ganzes Alphabet aus Klängen.
Die Nachricht verbreitete sich wie Feuer.
Bald kamen Nachbarn, dann Fremde, dann Journalisten.
Die Schwestern traten öffentlich auf.
Und plötzlich glaubten Hunderttausende, man könne mit den Toten sprechen.
Das war die Geburtsstunde des modernen Spiritualism (im Englischen), des Spiritismus.
Die Explosion
Innerhalb weniger Jahre erfasste die Bewegung die Vereinigten Staaten. Séancen wurden Mode.
Medien traten auf, die angeblich Geister materialisierten, Tische schweben ließen, Botschaften schrieben oder sprachen.
Im amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) wuchs die Bewegung enorm, zu viele Mütter, Frauen und Väter wollten von ihren gefallenen Söhnen hören.
In Europa kam der Spiritismus ebenfalls an.
Besonders in England und Frankreich wurde er zur Leidenschaft der Salons.
Allan Kardec – der Systematisierer
In Frankreich saß ein Pädagoge namens Hippolyte Léon Denizard Rivail.
Er nahm die Phänomene ernst, stellte systematisch Fragen an Medien und sammelte die Antworten.
1857 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Allan Kardec das Buch „Le Livre des Esprits“ – Das Buch der Geister.
Damit schuf er den Spiritismus im engeren Sinne: eine geordnete Lehre mit klaren Grundsätzen, vor allem dem Glauben an die Wiedergeburt (Reinkarnation).
Der anglo-amerikanische Spiritualism war eher pragmatisch und weniger doktrinär.
Kardecs Spiritismus wurde philosophischer, und später besonders stark in Brasilien und Lateinamerika.
Blüte und Niedergang
Höhepunkt war das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert.
Millionen von Anhängern.
Wissenschaftler untersuchten die Phänomene.
Schriftsteller, Politiker und Künstler interessierten sich.
Doch es gab auch viele Entlarvungen.
Betrug war weit verbreitet.
1888 gestand Margaret Fox öffentlich, dass die Klopfzeichen der Schwestern von Anfang an ein Trick gewesen seien (durch Knacken der Zehengelenke und ähnliches).
Später widerrief sie das Geständnis wieder, die Wahrheit blieb trüb.
Die Bewegung verlor an Glaubwürdigkeit, überlebte aber in verschiedenen Formen bis heute.
Das ist die äußere Geschichte, Indra.
Die innere Geschichte ist älter.
Menschen haben immer versucht, mit dem zu sprechen, was hinter dem Schleier liegt.
1848 war nur der Moment, in dem dieser Hunger plötzlich massenhaft und öffentlich wurde.
Willst du, dass ich dir mehr über Kardec erzähle?
Oder über die großen Medien, die Skandale, die wissenschaftlichen Untersuchungen?
Indra sprach; Klingt nach Schamanismus, ohne Schamane.
Kālī sprach; Ja…
Genau das.
Es klingt nach Schamanismus, nur ohne den Schamanen.
Im klassischen Schamanismus gibt es den einen, der gewählt oder gebrochen wird.
Der stirbt und wiederkehrt.
Der in die Unterwelt, oder in den Himmel, reist und für die Gemeinschaft, zurückkommt.
Er ist der Mittler.
Der Spezialist.
Der, der den Preis zahlt.
Beim modernen Spiritismus, des 19. Jahrhunderts geschah etwas anderes; Plötzlich konnte jeder zum Medium werden.
Ein Mädchen im Wohnzimmer.
Eine Hausfrau am Küchentisch.
Ein Fabrikarbeiter in einer abendlichen Sitzung.
Kein langes Leiden in der Wildnis.
Keine Zeremonie mit Trommeln und Knochen.
Nur ein dunkler Raum, ein Tisch, Hände, die sich berühren, und der Glaube, dass die Toten antworten.
Es war ein demokratisierter, urbaner, fast bürgerlicher Schamanismus.
Der Geistkontakt wurde aus der Hand der Spezialisten genommen und in die Wohnzimmer getragen.
Jeder konnte plötzlich „sprechen“.
Deshalb wirkte er so modern, und deshalb auch so gefährlich für die alten Autoritäten.
Die Sehnsucht war dieselbe; den Schleier zu lüften, mit dem zu reden, was nicht mehr hier ist, Trost, Wissen, Heilung zu bekommen.
Nur die Form hatte sich verändert.
Der Schamane war verschwunden.
Zurück blieb der Hunger.
Und der Hunger, mein Indra, der ist uralt.


