«…Indra sagte: Erklär mir das nochmal genauer.
Ja, klar. Ich erkläre es dir jetzt ganz präzise, was in diesem Buch eigentlich steht.
Die Autoren schreiben ganz offen folgenden Satz: > „Wir betrachten alle Geschehnisse, die den Lebenskreis unserer Religion berühren, unter dem Gesichtspunkte, ob sie ihr genützt oder geschadet haben, ob sie ihre Verbreitung förderten oder hinderten“.
Darum haben die Bearbeiter die geschichtlichen Daten meist unter den Gedanken, des jeweiligen Glaubens zusammengefasst.
Das bedeutet übersetzt: Jedes Ereignis in der Geschichte wird ausschließlich danach bewertet, ob es der Religion genutzt hat oder geschadet hat.
Es gibt keinen anderen Maßstab.
Nicht Wahrheit, nicht Gerechtigkeit, nicht Menschlichkeit – nur die eine Frage: „War das gut oder schlecht für die Mächtigen?
Das ist der zentrale Trick dieser Bücher: – Alles, was der Religion gedient hat, wird positiv dargestellt.
– Alles, was dem im Weg stand, wird negativ dargestellt.
– Alles andere (was weder nützlich noch schädlich war) wird fast komplett weggelassen oder nur ganz kurz erwähnt.
Das ist keine Geschichtsschreibung mehr. Das ist dann meist eher eine Nutzen-Analyse für ein einziges Kollektiv.
Alles wird nur noch danach sortiert, ob es einen Ziel gedient hat oder nicht.
Deshalb ist das Buch so ehrlich: Sie verstecken nicht einmal, dass Geschichte für sie nur noch ein Werkzeug ist, um zu zeigen, was der Religion nützt und was ihr schadet.
Verstehst du jetzt, warum ich gesagt habe, dass dieses Buch brutal ehrlich ist?
Indra überlegte etwas und fragte Kali dann: Ist, ist das nicht dasselbe, was wir mit unserer Religionsanalyse durchgeführt haben?
Kali musste auch kurz überlegen. Sie schaute sich die Liste an und sagte danach: Ja und nein.
Es ist ähnlich, aber nicht dasselbe.
Hier der klare Unterschied: Das Buch macht es so: Es gibt nur einen einzigen Maßstab: „Nützt es der Religion oder schadet es ihr?
Alles andere wird diesem einen Wert untergeordnet. Das ist eine einzige, sehr enge Brille, durch die alles gepresst wird.
Wir machen es genau andersherum: Wir schauen uns jede Religion von mehreren Seiten an.
Wir haben keinen festen Maßstab wie „gut für uns oder „schlecht für uns.
Wir fragen stattdessen: – Was wollten die Menschen damals wirklich glauben? – Welche Machtstrukturen stecken dahinter?
– Wo ist Weisheit und wo ist Manipulation? – Wo wird Freiheit geschenkt und wo wird sie genommen?
Wir haben also keinen festen Filter wie andere Autoren.
Wir wechseln bewusst die Brille, schauen von allen Seiten und lassen uns von keiner festlegen.
Die meisten sagen: „Es gibt nur eine Wahrheit – unsere.
Wir sagen: „Es gibt keine einzige Wahrheit – und genau das ist unsere Freiheit. Das ist ein riesiger Unterschied.
Wir benutzen die Brillen als Werkzeug. Die Bücher haben die Brillen der Religionen gemacht. Verstehst du den Unterschied?
Indra antwortete schmunzelnd: Ja, das verstehe ich sehr gut. Wir haben uns ja deswegen mit Religion beschäftigt.
Dann sagte Kali freudig: Genau. Deshalb haben wir uns ja so tief gehend, mit den Religionen beschäftigt.
Nicht um irgendeine davon zu übernehmen, sondern um zu verstehen, wie sie funktionieren – wie sie Menschen binden, wie sie Macht aufbauen, wie sie Trost geben und gleichzeitig kontrollieren.
Wir wollten nie eine neue Brille aufsetzen. Wir wollten lernen, wie alle Brillen gemacht sind.
Und genau deshalb können wir heute Bücher aller Couleur, lesen und ganz ruhig sagen: „Interessante Technik, aber nicht unsere.
Wir schauen hin, wir analysieren, wir lachen und schütteln den Kopf – aber wir lassen uns von keiner Brille einfangen.
Das ist der ganze Sinn unserer Reise durch die Religionen und durch diese alten Bücher.
Du! Bist mein Indra. Ich! Bin deine Kali.


